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Tauchen mit Handicap?!- Chancen, Erfahrungen und Eindrücke

Tauchen mit Handicap — unmöglich? Nein, ganz und gar nicht! Wer kennt es nicht, Tauchen befreit die Seele und reißt förmlich den am Tag angesammelten Stress komplett ab. Doch für viele Menschen mit Handicap ist Tauchen eine Therapie —  oft die ersten Schritte nach einem Unfall — eben frisch aus dem Krankenbett. Besonders für Menschen mit einem Querschnitt ist Tauchen die ideale Therapie: „Und auf einmal ist man aus dem Rollstuhl entfesselt worden“. Es ist für jeden Gehandicapten das schönste Gefühl, endlich wieder von allen Lasten befreit zu sein und die Schwerelosigkeit zu genießen und genau deshalb ein JA zum Behindertentauchen!

Auch Blinde können Tauchen!

Aber nicht nur der Querschnitt findet Platz im Behindertentauchen — wer sagt, dass Blinde nicht Tauchen gehen dürfen, oder Gehandicapte mit Zerebralparese oder MS? Wir finden, dass das kein Problem ist. Oft findet man bei an Zerebralparese-Erkrankten das erste Lächeln seit Jahren, es ist was besonderes, etwas ruhiges und etwas schwereloses. Denn betroffene Menschen sind oft für ihr Leben am Rollstuhl gefesselt und konnten nie laufen.

Verantwortungslos mit Handicaps tauchen zu gehen?

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Es ist sicherlich ein Spektakel — böse Zungen behaupten auch verantwortungslos — wenn Außenstehende sehen, wie Menschen ohne Beine zum See getragen werden mit der vollen Tauchausrüstung, aber diese Menschen haben Spaß. In unserer Gesellschaft gibt es für Betroffene so viele Einschränkungen, jedoch beim Tauchen sind wir alle gleich! Daher sind auch alle Betroffenen, egal mit welcher Behinderung beim FBTD (Förderverein des Behindertentauchens in Deutschland e.V.), wovon auch dieser Blog verwaltet wird, herzlich Willkommen, denn wir reden nicht über Inklusion, wir machen sie!

Therapeutische Vorteile

Aber auch die therapeutischen Vorteile sprechen für sich. Gerade für behinderte Menschen, bei denen oftmals zum ersten mal z.B. nach einem Unfall wieder die Muskelgewebe, die Koordination und die Atmung gefordert werden. So erleben Rollifahrer beispielsweise eine ungeahnte Bewegungsfreiheit in einer neu entdeckten Dimension — denn unter Wasser gibt es keine Hindernisse.

Auf in die Praxis!

Jedoch möchten wir auch die Praxis vorstellen, denn klar kann man über diese Inklusions-Klamotte viel reden, aber bei der Umsetzung scheitert es bei den meisten. Daher möchten wir jetzt das Tauchen mit einem Handicap vorstellen, was auf dem ersten Blick unmöglich erscheint, dennoch gemeistert wurde:

Vera Thamm schrieb…

Ich heiße Vera Thamm, bin 24 Jahre alt und von Geburt an Körperbehindert (fehlen beider Arme ab ca. der Hälfte der Oberarme und Fehlen des rechten Unterschenkels). Derzeit absolviere ich an der Deutschen Sporthochschule Köln mein Masterstudium im Bereich Rehabilitation und Gesundheitsmanagement.

Wie alles mit dem Tauchen und mir begann 

Vera taucht

2007 habe ich den OWD-Kurs von meinen Eltern geschenkt bekommen und konnte mir somit einen schon lange gehegten Traum erfüllen. Wasser war schon immer mein Element – vor allem weil man im Wasser super abschalten kann und Einschränkungen außerhalb des Wassers im Wasser nahezu verschwinden – doch die Erfahrung des Gefühls der absoluten Schwerelosigkeit, wie man es beim Tauchen erlebt, war noch mal etwas völlig Neues.

Ein mehrjähriger Zwischenstopp beim Schwimmen…

Nach dem OWD-Schein ließ ich das Tauchen für mehrere Jahre erstmal ruhen, wofür es verschiedene Gründe gab, u.a. löste sich die Tauchschule nach einiger Zeit auf und ich widmete mich für einige Jahre vollkommen dem Behindertensport im Bereich Schwimmen wodurch nicht mehr wirklich Zeit für regelmäßiges Tauchen blieb.

aber dann schnell wieder „back to the roots“ vom Tauchen

2014 war es endlich soweit. Nachdem ich meine Zeit als aktive Schwimmerin beendet hatte, da ich mich voll und ganz auf die Vorbereitung des anstehenden Masterstudiums konzentrieren wollte und dies für mich nicht parallel zur zeitintensiven Schwimmerei in Frage kam, war nun vor allem an den Wochenenden wieder Zeit um abzutauchen.

Wie der FBTD (Förderverein des Behindertentauchens in Deutschland e.V.) in mein Leben trat

Als ich Anfang 2014 wieder mit dem Tauchen anfing, ging ich dafür zum FBTD. Zwei der FBTD Gründer kannte ich schon von früher (damals waren sie noch bei einer anderen Organisation) und was soll ich sagen – es war als wenn ich nie weg gewesen wäre – ich wurde sofort super herzlich wieder aufgenommen, wofür ich bis heute sehr dankbar bin.

Da war er, der FBTD, und wird hoffentlich ewig bleiben!!

Tauchen beim FBTD heißt – „wir reden nicht über Inklusion- wir machen sie“. Tauchen beim FBTD bedeutet gelebte Inklusion ohne, dass die Behinderung in den Vordergrund gerückt wird – was ich persönlich als sehr angenehm empfinde – beim FBTD tauchen Menschen mit und ohne Einschränkung gemeinsam.

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Jeder macht das, was er kann selbständig und bekommt nur da Hilfe, wo es wirklich nötig ist. Das fördert die Selbstständigkeit und das Selbstwertgefühl. Die persönlichen Stärken jedes Einzelnen werden gefördert und gefordert. Wer z.B. auf Grund der eigenen Beeinträchtigung keine schweren Sachen tragen kann, kann aber zum Beispiel organisatorische Tätigkeiten erledigen und so wird jeder mit einbezogen.

Tauchen mit Handicap – meine persönlichen Erfahrungen

Für mich ist Tauchen viel mehr als nur irgendeine Sportart. Tauchen gibt mir die Möglichkeit mit vielen anderen lieben Menschen zusammen die Unterwasserwelt zu entdecken und gemeinsam wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Auch wenn für mich meine Behinderung im Alltag keine wesentliche Rolle spielt, weil ich es einfach nicht anders kenne – was  sicherlich oft ein Vorteil ist gegenüber Menschen, die durch einen Unfall, einer Krankheit oder anderen Gründen eine Behinderung erworben haben und alles neu und anders erlernen müssen – so stoße ich natürlich auch Gelegentlich bei manchen Dingen an meine Grenzen. Dies ist z.B. beim Tragen des Tauchequipments der Fall. Es ist einfach schön zu wissen, dass das im FBTD -Team durch den guten Teamgeist und das „WIR-Gefühl“ durch andere übernommen wird. Ganz ohne Hilfe geht es halt nicht aber das macht ja auch nichts.

Tauchen – eine Chance fürs eigene Leben zu lernen…

Eine für mich persönlich sehr wichtige „Lektion“, die ich sicherlich auch durchs Tauchen gelernt habe und auch teilweise noch immer lerne, ist es Hilfe anzunehmen. Das tue ich nämlich eigentlich gar nicht gerne… aber wenn zwischen dem Meer und mir ein Deich liegt und ich die Beinprothese nicht mehr an habe, weil ich schon im Tauchanzug stecke, dann brauche ich halt jemanden der mir hilft zum Wasser zu kommen. Das zu lernen ist sicherlich etwas, was mir im Leben weiterhelfen wird.

…und eine Chance andere zu motivieren

Wenn man als Mensch mit Handicap taucht ist dies auch eine Chance andere Menschen zu motivieren und zu ermutigen. Das ist etwas was ich sehr schön finde, wenn man selbst ein Handicap hat kann es sein, dass andere Menschen mit Beeinträchtigungen das sehen und sich denken „wenn sie mit ihrem Handicap das kann, dann kann ich das ja vielleicht auch“ und dann versuchen sie es und wenn sie sehen, dass es klappt – was soll ich sagen, etwas schöneres kann es doch eigentlich nicht geben.

Mein Fazit

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Für mich persönlich ist Tauchen ein idealer Ausgleich zum Alltag – einfach abtauchen und alles andere um einen herum für einen Moment lang vergessen – wunderbar!

Artikel von Vera Thamm, Rita von der Forst und Sam Nowakowski.

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